DAS ORIGINAL!

11.11.2016

STUTTGART · HOCHZEIT-NEWS & -TIPPS

Spirituell heiraten ohne Kirche

Interview mit dem Freien Theologen Nikolai Kohler

Viele Brautpaare wünschen sich neben der standesamtlichen Trauung eine freie Trauzeremonie. Diese ist an keine Konfession gebunden und kann sowohl unter rein weltlichen Gesichtspunkten gestaltet werden oder aber auch religiöse Elemente aufgreifen. Für letztere sind Freie TheologInnen die besseren Ansprechpartner, denn Dank ihrer theologischen Ausbildung können sie kirchliche Rituale und Zeremonien in die Freie Trauung einbeziehen.

Wir haben mit dem FREIEN THEOLOGEN NIKOLAI KOHLER zum Thema "Freie Trauzeremonie" gesprochen. Der Stuttgarter hat sieben Jahre evangelische Theologie studiert, ist Diplom-Theologe und schreibt derzeit seine Doktorarbeit.

Lieber Nikolai, bitte erzählen Sie doch kurz etwas über sich und Ihre berufliche Laufbahn! Was hat Sie dazu bewegt, Freier Theologe zu werden?

Gute Frage... Wo fange ich da an? Vielleicht hier: Seitdem ich ein kleines Kind bin, faszinieren mich Hochzeiten. Ich finde diese Momente, in denen zwei Menschen mit feuchten Augen zueinander sagen: "Ja, ich will mit dir für immer zusammen sein!" einfach unglaublich berührend und spannend zugleich. Man kann in diesen Momenten fast körperlich spüren, dass gerade irgendwie "mehr" passiert als nur das, was man hören und sehen kann. Für mich sind das "heil-ige" Momente, weil da für einen kurzen Moment etwas "Heiles" aufscheint. Es ist wie eine heilsame Erinnerung: "Ach so, ja stimmt, so bedingungslos sollten menschliche Beziehungen eigentlich sein." Ich will dieses "Mehr", was viele an diesem besonderen Tag spüren, in Worte kleiden, damit man es besser sehen und greifen kann. Als Theologe freie Trauungen anzubieten ist deshalb eine Herzenssache für mich.

Welche Paare kommen zu Ihnen?

Das ist ganz unterschiedlich. Dieses Jahr habe ich ein Paar getraut, wo beide erst Anfang 20 waren; im Sommer werde ich ein Paar trauen, wo beide auf die 50 zugehen und in vorherigen Beziehungen schon einiges an Höhen und Tiefen erlebt haben. Manche sind aus der Kirche ausgetreten, manche haben in der Jugend viel Zeit in der Kirche verbracht. Manche wollen, dass ich sie an die Hand nehme und durch die ganze Zeremonie führe. Andere wollen, dass ich mich ganz im Hintergrund halte und nur wenige Impulse setze. Manche sind VfB-Fans und manche müssen es erst noch werden. *lacht* Das liebe ich: Es ist immer überraschend anders.

Worin unterscheidet sich ein Freier Theologe von einem weltlichen Freien Redner bzw. worin unterscheiden sich die jeweiligen Trauzeremonien?

Den freien Theologen erkennt man an seinem langen dunkelroten Purpur-Mantel und dem goldenen Stab in seiner Hand. *lacht* Ehrlich gesagt, denke ich gar nicht so stark in den Kategorien "geistlich" oder "weltlich". Für mich geht es um die Tiefendimension des Lebens und die kann bei einer "weltlichen" Feier genauso aufblitzen wie bei einer Feier, die ein Theologe leitet. Ich als Theologe bin fest davon überzeugt, dass die Spuren von Gottes Liebe mitten im ganz weltlichen (Beziehungs-) Alltag zu finden sind - wenn man danach sucht. Deshalb versteh ich mich bei meinen Trauungen eher als Safari-Guide. Ich bring die Tiere (Gottes Liebe) nicht in die Savanne (das Leben des Brautpaares), aber ich zeige ungeübten Augen, wo die Elefanten und Löwen zu finden sind.
Grundannahme meiner Zeremonien ist: "Eine Ehe beginnt nicht mit Windstille, sondern mit Gottes Rückenwind."

Wie läuft eine freie Trauung ab?

Ein klassischer Ablauf könnte z.B. so aussehen: Einzug mit Lied, Begrüßung von mir, Lied, Trauansprache, Ritual mit Trauversprechen, Traufrage, Ringtausch und Segenspruch, wilde Küsse, (Fürbittgebet), Lied, Ankündigungen und Abschluss, Auszug mit Lied.

Gibt es auch Rituale wie in der Kirche?

Klaro. Das Tolle an Ritualen ist, dass sie mehr ansprechen als nur unsere Ohren. Bei Ritualen kann man etwas sehen, anfassen, spüren, riechen, usw. Das prägt sich tiefer ein als nur Worte und kann so zu einem kraftgebenden Anker werden. Mein Ziel bei den Ritualen ist es, das Beste aus zwei Welten miteinander zu verschmelzen: Das Locker-Persönlich-Humorvoll-Fröhliche einer privaten Feier mit dem Festlich-Feierlich-Tiefgründig-Rituellen einer kirchlichen Trauung.

Wie bereiten Sie sich mit dem Paar auf die Trauung vor?

Nach einem ersten Mail-Kontakt oder Telefonat lernen wir uns meist bei einem Käffchen besser kennen. Wir vereinbaren einen Termin für ein Traugespräch. Dann treffen wir uns zu einem ausführlichen Traugespräch oft beim Brautpaar Zuhause. Dabei geht es mir vor allem um zwei Dinge: Als erstes versuche ich durch unterschiedliche Fragen so viel wie möglich über die gemeinsame Geschichte des Brautpaares herauszufinden. Dabei achte ich besonders darauf, wo sich Spuren der Liebe Gottes entdecken lassen (die wir oft "glückliche Zufälle" nennen). :-)
In einem zweiten Schritt entwickle ich dann vom Inhalt her gemeinsam mit dem Brautpaar eine passende Zeremonie. Form und Inhalt sollen miteinander harmonieren wie ein guter Rotwein im richtigen Glas. Das Brautpaar soll sich in all dem wiederentdecken.

Welche Texte wünschen sich die Brautpaare für ihre Lesung?

Ein paar Beispiele: "Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch jauchzen und alle Bäume auf dem Felde sollen in die Hände klatschen." (Jesaja 55,12) // "Wo du hingehst, dort will ich auch hingehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch." (Ruth 1,16-17) // "Ich bleibe derselbe. Ich werde euch tragen bis ins hohe Alter, bis ihr grau werdet. Ich, der Herr, habe es bisher getan, und ich werde euch auch in Zukunft tragen und retten." (Jesaja 46,4)

Glauben Sie, dass auf lange Sicht nichtkirchliche Trauungen zum Normalfall werden?

Hmmm... Wieder eine gute Frage. Ich denke auf jeden Fall, dass die Anzahl freier Trauungen in den nächsten Jahren enorm zunehmen wird. Einfach, weil vielen eine klassische kirchliche Trauung zu steif, langweilig, moralisch oder unpersönlich ist. Es kommt also stark darauf an, wie gut die Kirche es in Zukunft schaffen wird, für die Menschen wieder mehr ein Ort zu sein, mit dem sie sich identifizieren. Wenn das nicht gelingt, werden Brautpaare ihr Bedürfnis nach der spirituellen Dimension in ihrer Trauung noch mehr in außer-kirchlichen, freien Formen zu stillen versuchen.

Was war Ihr bisher schönstes Trauerlebnis bzw. Ihre außergewöhnlichste Trauung?

Für mich sind die schönsten Momente immer die, wenn ich merke, dass gerade ein Funke zwischen dem Brautpaar überspringt. Das sind oft ganz kurze Augenblicke, aber für mich passiert in ihnen etwas ganz Wesentliches. Im Sommer habe ich z.B. vor einer großen Gruppe in einem alten Fabrikgebäude über einen Vers aus dem Alten Testament gesprochen. 90 Prozent der Zuhörer waren weder Kirchgänger noch gläubig. An einer Stelle hab ich dann darüber gesprochen, wie es in diesem fast 2.500 Jahre alten Text eigentlich um das Nach-Hause-Kommen geht. Plötzlich sah ich, wie genau in dem Augenblick, in dem ich das sagte, dem Bräutigam Tränen in die Augen stiegen. Er blickte seiner Braut in die Augen, nahm ihre Hand und für einen kurzen Moment (so sagten sie mir später) wurde den beiden klar: "Genau das ist es, was wir uns zutiefst wünschen: bei einander Zuhause zu sein." Hach!

Gibt es persönliche Lieblingsorte im Raum Stuttgart, die Sie unseren Brautpaaren ganz besonders für eine Freie Trauzeremonie empfehlen können?

Das ist so individuell. Ich persönlich mag das Glasgewächshaus Elsässer in Vaihingen oder die Burg Lichtenberg in Oberstenfeld oder den Lautenbachhof in Bad Teinach oder die Alte Schlosskapelle in Stuttgart oder...

Lieber Nikolai, und zum Schluss, gibt es etwas, das Sie unseren Brautpaaren gern mit auf den Weg geben möchten?

Erstmal: Ich freu mich, dass ihr heiraten wollt. Wirklich. Was für ein Geschenk, dass ihr jemanden gefunden habt, mit dem/der ihr euch vorstellen könnt, den Rest eures Lebens zu verbringen. Und dann: Seid euch bewusst, dass die Trauzeremonie enormes Gewicht hat! Sie prägt meiner Erfahrung nach die Stimmung des ganzen Tages und kann euch wie eine Feder in alle möglichen Richtungen katapultieren. Wenn sie fröhlich, romantisch und inspirierend ist, überträgt sich diese Stimmung auf euch und eure Gäste und ihr startet so in eure Ehe. Deshalb: Engagiert nicht den Erstbesten, sondern hört auf euer Bauchgefühl! Ihr müsst das Gefühl haben, dass ihr eurem Redner/eurer Rednerin voll vertrauen könnt und dass er/sie wirklich was zu sagen hat. Und dann hab ich noch ein paar andere Dinge, die ich euch gerne mitgeben würde, aber die sag ich euch am liebsten mal persönlich... *lacht*


Lieber Nikolai, wir danken Ihnen für das tolle und ausführliche Interview!

Weitere Informationen zu Nikolai Kohlers Angebot und seine kompletten Kontaktdaten findet ihr, liebe Brautpaare, HIER in eurem Hochzeitsportal.



(Fotos: Nikolai Kohler)